«Die Altstadt darf nicht zum Museum werden»


Die Stadtentwicklung ist im Legislaturprogramm ein wichtiger Punkt. Wo sehen betroffene Bewoachner die Ziele?

BILDER
Rudolf Günthardt und Dilli Schaub (Bild: bkr)

Zofingen will seine Altstadt gezielt weiterentwickeln – die Stadt arbeitet an einem entsprechenden Leitbild, das im Herbst lanciert werden soll. Wie und wohin soll sich die Altstadt «bewegen»? Ein Gespräch mit zwei Leuten, welche die Probleme des Ortszentrums und die politischen Mechanismen kennen.

Dilli Schaub lebt in der Altstadt und war während zwölf Jahren als SP-Stadträtin Präsidentin der Altstadtkommission. Sie kennt viele Altstädte – und überall sieht sie seit Jahren dieselben Probleme: «Das Nebeneinander von Wohnen, Gastronomie und Gewerbe führt zu Konflikten.» Positiv sei, dass diese Themen heute weniger aggressiv diskutiert werden als früher. Dass sich eine Altstadt entwickelt, was auch hin und wieder mit einem leeren Laden verbunden ist, gehört für Schaub dazu. «Die Altstadt muss leben und darf nicht zum Museum verkommen. Wenn wir ehrlich sind, lebt es sich gut in Zofingen.»

Veranstaltungen sind wichtig
«Dem stimme ich voll und ganz zu», sagt Rudolf Günthardt. Er ist FDP-Einwohnerrat, Unternehmer in der Altstadt (Hotel Zofingen) und lebt dort in einem renovierten, denkmalgeschützten Haus. Für ihn sind Veranstaltungen ein wichtiger Umsatzfaktor. «Sie bringen Besucherfrequenz und den Restaurants Gäste», sagt er. Dass nicht jeder Anlass für die Ladengeschäfte mit mehr Umsatz verbunden ist, liege auf der Hand. Schaub ergänzt, dass zwar viele Gäste wegen der schönen Altstadt nach Zofingen kommen. «Das ist das Dilemma. Die Altstadt ist das touristische Hauptprodukt der Stadt, daneben aber äusserst beliebt als Wohnquartier.» Allen Zielen gerecht zu werden, sei ein schwieriger Balanceakt.

Guter Mix
Für Schaub stellt das Angebot der Lä- den einen guten Mix dar. «Für die Grundversorgung ist alles vorhanden; sogar je zwei Metzgereien und Bäckereien.» Dass die Geschäfte in der Altstadt «im Schatten der Einkaufszentren stehen», sei seit langem so. Textilläden hätten es in einer Kleinstadt schwer, weil sie nur ein beschränktes Angebot präsentieren können. Neu hinzu komme die Konkurrenz durch InternetShops, wirft Günthardt ein – diese bedrängten inzwischen den einen oder anderen Gewerbetreibenden heftig.

Zur Entwicklung der Altstadt gehört eine Modernisierung der Gebäudesubstanz – dies nicht nur im Rahmen des Denkmalschutzes. Für Schaub und Günthardt muss auch der eine oder andere Neubau Platz haben. Was erlaubt sein soll, sei eine Frage, die Fachleute klären müssten. Gesehen wird das Bedürfnis, Balkons zu nutzen. «Weshalb nicht da und dort ein Dach öffnen und so Terrassen schaffen?», meint Günthardt. Schaub ist eher skeptisch: «In einer historischen Altstadt ist eine intakte Dachlandschaft wichtig.»

Ein anderes Thema ist die Lösung des Verkehrs- und Parkplatzproblems. Schaub wie Günthardt befürworten den Bau eines Parkhauses Ost im Bereich Stadtsaal/Gemeindeschulhaus. Günthardt ist in seiner Funktion als Einwohnerrat Mitglied einer entsprechenden Spezialkommission, welche ihre Arbeit bereits aufgenommen hat. Neben der Frage des genauen Standorts geht es Günthardt um die Frage der Finanzierung. «Ist die Stadt Bauherrin oder soll ein privater Investor gesucht werden?» Vorstellen kann er sich auch, dass das Parkhaus durch eine mehrheitlich der Stadt gehörende AG erstellt wird und allenfalls ein Teil der Parkplätze verkauft wird. Für Schaub ist es wichtig, dass der Stadtrat bei jedem Teilschritt zum Ziel die Bevölkerung einbezieht. Günthardt könnte sich vorstellen, dies im Rahmen konsultativer Abstimmungen, beispielsweise für das Vorprojekt, zu tun.

Mit dem neuen Parkhaus einen autofreien Thutplatz? Da ist Günthardt strikte dagegen, aber damit einverstanden, wenn der eine oder andere Parkplatz aufgehoben wird. Für Schaub ist eine Sperrung ebenfalls kein Thema, solange man nicht weiss, wie der Platz künftig genutzt werden soll. Was sie hingegen anregt, ist, dass die Altstadt in Zukunft nicht mehr durchgängig befahren werden darf und die heutigen verkehrsfreien Zonen besser kontrolliert werden. «Die momentane Situation ist nicht akzeptabel.» Ein neues Leitbild Zofingen finden beide positiv. Es sollte aber nicht in der Schublade landen, sondern immer laufend angepasst werden.

Kommentare zu diesem Artikel (4)

pcsteiner, 19.05.2017, 13:12 Uhr

Ich finde den Kommentar von A.H. absolut treffend!


A. H., 19.05.2017, 10:18 Uhr

Ich lebe erst seit kurzem in Zofingen und finde die Altstadt so wie sie ist gut. Vor allem auch, dass man mit dem Auto noch in die Altstadt kann ist ein Vorteil. Die Leute kommen so noch in die Geschäfte. Von diesem System darf man nicht abweichen! Als Beispiele: Liestal BL - Hauptteil Altstadt autofrei. Dort herrscht chronisch tote Hose. Einziges Parkhaus in der Manor. Folge: Keiner geht mehr in die Stadt. Findet ja schon in der Manor alles. Sursee LU - autofrei am Wochenende, aber Parking gleich nebenan. Somit gut erreichbar und es lebt. Zofingen sollte sich wenn dann an Sursee orientieren und nicht zur Geisterstadt verkommen wie Liestal. Zu dem möchte ich anmerken, dass Menschen die in einer Altstadt leben, sich bewusst sein müssen, dass sie im Zentrum leben. Dort sollte theoretisch mehr "laufen" als im Aussenquartier. Deshalb auch mehr Lärm. Wer damit nicht zurecht kommt, hat einfach das falsche Wohnquartier.


buchi, 19.05.2017, 10:11 Uhr

Und jetzt wissen wir auch wer das ZT als Stadtrat empfiehlt. Qualitativer Journalismus wäre gewesen, mit diesem Bericht bis Montag zu warten


M.N., 18.05.2017, 21:09 Uhr

Lasst das Städtchen Zofingen leben und sorgt dafür, dass es nicht zerfällt wie zum Beispiel Laufenburg, Mellingen usw. Der Wandel der Zeit hat sicher schon einiges zu Grabe getragen, aber der Nerv lebt noch.Lasst das "Städtli" wieder aufleben, dies gehört zur Kultur! Danke!


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